Walpurgis?

Wenn ich aus meinem Zimmer schaue, sehe ich die Kirche St. Walburga, aus der gestern Nachmittag leise Orgelklänge zu mir hinüber kamen.

Sicht auf den Altar der Kirche St. Walburga

Ich war neugierig und fing an, über diese Kirche zu lesen. Immer mehr verdichteten sich die Hinweise, dass der Begriff ‚Walpurgisnacht‘ mit dieser Walburga zusammenhängt. Und tatsächlich scheint das zu stimmen – nur in keiner Weise, wie wir das mit all den Assoziationen, die in unseren Köpfen jetzt aufflammen, vermuten mögen. Je weiter ich lese, um so mehr vermischen sich unterschiedlichste Dinge, Traditionen, Kuriositäten, unsägliches Leid der Hexenverbrennungen bis hin zum Tag der Arbeit und dem Tanz in den Mai, die alle schlichtweg überhaupt gar nichts mit Walburga zu tun haben, einer Äbtissin, die in der katholischen und orthodoxen christlichen Religion als Heilige verehrt wird. Diese Frau war scheinbar Bonifatius’ Nichte und die Schwester von zwei weiteren religiösen Schwergewichten namens Willibald und Wunibald und kam als Missionarin in das damals noch wohl weitgehend heidnische Gebiet der Germanen. Was ich bisher darüber hinaus verstanden habe: ‚Walpurgis‘ wurde im Mittelalter am 1. Mai, dem Datum der Heiligsprechung Walburgas, als Fest zu ihren Ehren gefeiert. Und die ‚Walpurgisnacht‘ leitete sich scheinbar von einem nächtlichen Gebet ab (Vigilfeier, Matutin), das, wenn ich es richtig verstehe, quasi den Festtag einleitet.

Ok. Jede Menge Heiligenkram. Ist ja gut…

Und was will ich damit sagen?

Mir geht es ganz klar nicht um Religion. Es geht um etwas komplett anderes. Über den Tag hinweg hat sich mir immer mehr die Frage aufgedrängt: Warum wird in unserer gesellschaftlichen Wahrnehmung dieser Name so komplett unreflektiert in alle möglichen Ecken für etwas übernommen, dass okkultisch erscheint, obwohl Walburga als Heilige verehrt wird? Und zwar geschieht das komplett durch die Bank von mittelalterlichen Hexenprozessen, über Gœthes Faust bis hin in die Populärkultur von touristischen Verantstaltungen am Broken im Harz, dem sprichwörtlichen Blocksberg. Machen wir mal ein gedankliches Experiment und ersetzen den Namen mit … warum nicht … Jesus.

Nun stell Dir dunkle Gestalten mit leuchtend roten Augen, verfilzten Haaren und Warzen im Gesicht auf Hexenbesen vor, die um ein großes Feuer herum fliegen und ‚Heia die Jesus-Naaaacht‘ singen.

Ich kann regelrecht hören, wie es in einigen von euren Köpfen zu quietschen anfängt, wie mit Kreide auf einer Tafel. Jesus? Hast Du sie noch alle? Du kannst doch die Hexennacht nicht Jesusnacht nennen! Das beschmutzt doch sein Andenken!

Ach…

Hat diese unreflektierte Verwendung des Namens der Walpurgisnacht vielleicht etwas damit zu tun, dass Walburga eine Frau war?

Dieser Gedanke lässt mich nicht los. Das beschäftigt mich den ganzen Tag schon und so sehr, dass ich darüber schreiben muss. Die Hypothese ist gewagt. Ich weiß. Und hey, vielleicht runzelst Du jetzt die Stirn, weil Du das ‚Hast Du sie noch alle?‘ gar nicht gedacht hast. Aber es würde mich wundern, wenn der Austausch des Namens bei Dir nicht zumindest einen signifikanten inneren Widerstand ausgelöst hat. Oder? Und warum ist das so? Erforsche Deine Gefühle, Jedi! (Pun intended.)

Sprache hat Macht. Und Geschlechtergerechtigkeit fängt genau dort an, wie wir unsere Sprache benutzen.

An dieser Stelle möchte ich heute enden, denke ich.

Nachdenklich sage ich gute Nacht.

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