Pappenheimer Trotz

Um fünf werde ich meistens wach. Manchmal auch früher. So auch heute im Hotel Stadthof in Treuchtlingen. Ich nutzte die Zeit für mein Tagebuch und bekam so beinahe nicht mit, wie es Tag wurde. Die Erkältung war noch da. Mir hat’s dann auch schnell gefröstelt, so dass ich mich nochmal hingelegt habe, warm eingepackt mit Mütze und allem. So ganz sicher war ich mir nicht, ob ich das schaffe mit dem Wandern. Um acht Uhr bin ich dann zum Frühstück und wurde reizend und vegan umsorgt. Es hat mir gut gefallen im Stadthof Treuchtlingen.

Eine Skulptur im Innenhof des Hotels

Danach Sachen gepackt und los ging’s. Flink im daneben gelegenen Lidl vorbei, ein wenig Proviant geholt, den grauen treuchtlinger Quader dokumentiert und in den Artikel von gestern hochgeladen und dann über die Altmühl rüber auf den Panoramaweg. Ein paar wenige Spaziergehende sind unterwegs. Mein ‚Guten Morgen‘ prallt auf das ‚Grüß Gott‘ und ich bin als Tourist geoutet. Meinen Plan, noch an einem treuchtlinger Bäcker Halt zu machen, verwerfe ich. Mich zieht’s los in die Natur.

Nach ein paar Minuten komme ich an einem Typen mit Fahrrad vorbei, der sich auf einer Bank niedergelassen hat. Fertig sieht er aus. Wieder das Austauschen von Grußfloskeln. Ich gehe vorbei und höre hinter mir, wie ein Trinkgefäß geöffnet wird und weiß, warum der Kerl so fertig aussieht. Alkohol ist ein schlechter bester Freund. Ich überlege, mich, auch nach dem ‚Der Weg des Künstlers‘-Programm von Julia Cameron, weiter davon fern zu halten. Seit Januar habe ich bisher ein halbes Glas Wein getrunken und die Abstinenz nicht bereut. Ich fand das im Sinne des Wegs des Künstlers, denn Julia Cameron schreibt von sich selbst, dass sie zu Anfang ihres Weges erst einmal den Alkohol aufgeben musste.

Ja! Der Weg des Künstlers! Das Programm lese und mache ich! Und es hat mein Verhältnis zur Kunst nachhaltig verändert. Ich kehre zu ihr zurück – langsam und vielleicht nachhaltiger als jemals zuvor. Lange Zeit habe ich mich immer nur von ihr wegbewegt, im Glauben, dass ich irgendwann Zeit dazu haben werde, sobald ich genug Geld hätte. Was für ein Unsinn, begonnen in meinem ersten WG-Zimmer mit einem – auch noch falsch geschriebenen – INDEPENDENCE an die Wand gemalt, das besagen sollte, ich würde mir diese Unabhängigkeit durch Geldverdienen verschaffen, so dass ich dann Zeit für Kunst hätte. Mein WG-Mitbewohner hatte schon damals Zweifel an dieser Idee. Paarundzwanzig war ich da. Jetzt werde ich in wenigen Tagen 7 im Quadrat. Wieviel Kunst habe ich zwischenzeitlich geschaffen? Nicht viel. Nicht nennenswert. Das hat mich in den letzten Wochen ganz schön gefrustet, als ich das kapiert habe.

Das ändere ich jetzt: Mehr Zeit für Kunst!

Das ist meine neue Devise. Das Wort Devise bedeutet übrigens laut duden.de zum einen Wahlspruch oder Losung und zum anderen so etwas wie Zahlungsanweisung oder -mittel in fremder Währung. Passt doch: Wenn ich mehr Zeit für Kunst will, muss ich das auch in irgendeiner Weise durch Opportunitätskosten begleichen: Meine fremde Währung heißt ‚weniger Job‘. Und tatsächlich: Ich arbeite ab diesem Monat 80%, um die restlichen 20% mit dem Schaffen von Kunst zu füllen. Mein kreativer Drang braucht einen Raum, um aufzublühen, wie zum Beispiel in diesem Blog.

Da ist er wieder der graue Quader. Wieder mache ich ein Foto von dem Ungetüm. Dann laufe ich weiter und lese die Karte falsch, kraxele schnaufend den Berg hinauf, laufe über eine echt hübsche Anhöhe und dann – wieder Treuchtlingen entgegen. Aber wieso? Ich bin doch immer dem mit schönen gelb-roten Schildchen ausgewiesenen Wanderweg gefolgt!?

Die ‚falsche‘ Richtung…

Ich schaue auf meine topologische Karte, die mir kaum etwas anzeigt außer ‚Detail map not loaded‘ – am Empfang liegt’s nicht! Mein Verschwörungsglaubengehirn ist gewillt, Bayern die Schuld zu geben (Was habe ich nur gerade mit Bayern? Ich mag dieses wunderschöne Fleckchen Erde doch so sehr, dass ich immer wieder dahin zurückkehre!) – (Ist bestimmt der Kruzifixminister. Der ist an allem Schuld! 😀 Aus Prinzip! Kruzifix!). Also Umkehren. „If you’re in a hurry, take a detour.“ So heißt es ja nach einer asiatischen Weisheit. Ist das eine Konstante auf dieser, meiner Reise?

Nach ein paar Minuten habe ich den richtigen Weg gefunden und komme kurz darauf in den Genuss, meinen Wanderregenschirm auszuprobieren. Ruck-zuck an die Halterungen geklemmt, die ich vorher an meinem Rucksack befestigt hatte, und … er hängt mir auf dem Kopf. Waaaas? Na super. Scheint für Menschen mit 20cm weniger Körpergröße gemacht zu sein. Dabei war ich mir so sicher, dass er groß genug ist. Schließlich ist der Schirm echt lang! Langsam wird mir ob dieses Erlebnisses wieder bewusst, dass ich immer ein oder zwei Tage brauche, bis ich richtig in der Natur ankomme. Im Moment bin ich vor allem ein umher wandelndes, nein irrendes, trotziges Stadtkind, das beim Spielen beleidigt wurde und wieder mitmachen will. Der Sprühregen ist genauso schnell wieder vorbei, wie er gekommen ist. Also Schirm wieder einklappen. 50 Meter laufen. Regen. Schirm ausklappen. Kamera zum Schutz unter dem Arm hängen lassen. Weiter laufen. Weg suchen. Regen hört auf. Stadtkind ist genervt und ruft den Kumpel an, dass er auch einen Schirm mitbringen soll. „Ja, ja.“ Man kann es in der Stimme von Menschen heraushören, wenn einen jemand belächelt. Das hat er, der Kumpel. Das Stadtkind geht stur weiter und ist stolz auf seinen roten Schirm. Ha! Der wird noch sehen, wenn’s mal so richtig schüttet. Dann will er bestimmt mit unter meinen Schirm kommen. Ab Pappenheim will er zu mir stoßen, der Stefan, und packt zu Hause gerade seine Sachen. Und ich freu mich auf ihn.

Derweil gehe ich auf eine seeeehr stark befahrene Bundestraße zu. Panoramaweg. Jo. In diesem Fall Industriepanorama. Unwillkürlich geht mein Blick nach hinten. Nee. Der graue Quader ist nicht mehr zu sehen. Immerhin etwas. Wenige Minuten später, nachdem ich erfolglos versucht habe, meine topoligische Karten-App, die ich schon seit Jahren benutze (wirklich!), dazu zu überreden, die Detailkarten zu laden, überquere ich erst die Altmühl und dann die Bundestraße. Jetzt geht es rauf durch Dietfurt, ein winziger Ort mit verwunschenen Wegen den Berg hinauf. Ist gut befestigt hier mit Treppenstufen und allem. Das ist das erste Mal auf dieser Wanderung, dass ich wirklich ins Schwitzen komme. Puh! Macht mir die Erkältung zu schaffen? Nee, das ist eher meine fehlende Kondition. In Frankfurt gibt es halt nicht so viele Auf- und Abstiege. Stadtkind hat gesprochen. Hugh! Aber hey: Etwa zwei Kilometer später kommt zum ersten Mal das Gefühl von Freiheit auf. Ich stehe da, schließe die Augen, strecke die Arme aus und atme Natur. Gott tut das gut!

Bald darauf bekomme ich Hunger und laufe stoisch weiter auf der Suche nach einer Bank, um Rast zu machen. Gut gestärkt gehe ich weiter in den Pappenheimer Wald. Langsam wird mir bewusst, dass dieser Ortsname was mit ‚Ich kenn doch meine Pappenheimer‘ zu tun hat, dieser Floskel, die wir alle schon mal gehört oder sogar benutzt haben. Da verweilt dieser Gedanke erst einmal, bis dann Pappenheim wirklich in Sicht kommt.

Was für ein Anblick! Ein Ort mit Burg und allem. (Ich gebe zu, ich hatte keine Ahnung. Der Weg ist das Ziel.) Ich steige den Berg hinab und laufe mit großen Augen durch ein mittelalterliches Dorf.

Ich komme an der Galluskirche vorbei, die älteste romanische Kirche Frankens aus dem 9. Jahrhundert. (Damit ist sie eine der ältesten noch erhaltenen Kirchen Deutschlands, bin ich mir sicher. Und ja: Ich hatte keine Ahnung.) Ich gehe rein und bewundere uralte Fresken und einen handgeschnitzten Altar.

Draußen vor der Kirche sehe ich viele alte Grabsteine, die in Wände eingelassen sind – und die üblichen Kriegsdenkmäler. Menschen. Eine Spezies, die zu so tollen Dingen fähig ist, wie das Erschaffen von Kunstwerken, und doch noch genug Affe, um sich gegenseitig die Köpfe einzuschlagen. Später, hier im Hotelzimmer, wird mir das um so mehr bewusst: Die ‚Ich kenn doch meine Pappenheimer‘-Floskel stammt aus Schillers ‚Wallensteins Tod‘. Ich schreibe, lösche meinen Text aber wieder, da ich mich im Politischen verliere, ich das aber nicht will. Also fange ich an über die Floskel zu lesen und stoße auf Wallenstein, eigentlich Albrecht Wenzel Eusebius von Waldstein (*1583, ermordet 1634) und lese, dass er im 30-jährigen Krieg ein sehr aktiver Feldherr war, der mit Gottfried Heinrich Graf zu Pappenheim (*1594, gefallen 1632) zusammen auf dem Schlachtfeld gekämpft hat. Daher rührt also der Bezug dieser Schillerschen Textstelle zu diesem Örtchen Pappenheim. (Eigentlich: „Daran erkenn ich meine Pappenheimer.“) Warum aber schon wieder Krieg? Was will mir dieser Tag sagen? Das Geschriebene, was ich vorhin gelöscht hatte, weil ich keine Lust hatte, darüber weiter zu schreiben, drehte sich auch um Krieg. Krieg der Ideen und Ideologien, gefühlten und wirklichen Wahrheiten, der Narzisst*innen und Kriegstreibenden dieser Welt. Warum müssen wir Menschen uns immer wieder gegenseitig die Köppe einschlagen? Können wir uns nicht auf Liebe und Frieden einigen und dafür Sorge tragen, dass wir alle ein Dach über dem Kopf haben und genug zu Essen? Denn genug Essbares gibt es auf der Welt, wie man z.B. hier nachlesen kann. Liebe ist das was wir brauchen! Wir brauchen von fast allem weniger, weniger Konsum, weniger CO2, weniger Umweltzerstörung, weniger Gier – und Krieg brauchen wir gar nicht. Nur von einem brauchen wir mehr: Liebe. Echter, ehrlicher aus dem Herzen entspringende Liebe. In diesem Sinne können mir die Kriegstreibenden dieser Welt für heute gestohlen bleiben. Ich treffe jetzt gleich meinen Kumpel Stefan zum Abendessen. Wir werden Quatschen über alte und neue Zeiten, über die Wanderung und über unsere Leben in all ihren Facetten. Und beide wissen wir, egal was ist: Wir sind Freunde und Liebe ist das, was zählt.

PS: Die Erkältung hat mich auf dem Weg hierher aus den Augen verloren 😉

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