Ich fühle mich erkältet. Ob das ein guter Start für die Wanderung durchs Altmühltal ist? Seit über einem Jahr freue ich mich auf diese Wanderung, habe dieses Mal Hotels über eine Reiseagentur gebucht, die Kamera mit meinem neuen Objektiv dabei, Skizzenbuch und Stifte und sogar dieses ultra leichte Schreibset, mit dem ich auf der Wanderung meine Eindrücke aufschreiben und auf meinem Blog veröffentlichen kann. Und jetzt werde ich krank? Wie bekloppt ist das denn! Nun. Wir werden sehen. Meine positive Stimmung lasse ich mir davon auf jeden Fall nicht stehlen.
Die Anreise war ein wenig abenteuerlich. Natürlich, das ist eine Schwäche von mir, bin ich leicht zu spät von zu Hause los, um mit Bus und U-Bahn meinen Zug zu bekommen. Ich also los auf einen Elektro-Scooter und rolle gefühlt gedonnert (halt nur gefühlt … die Dinger können ja nur 20km/h) die Berger Straße in Frankfurt runter, um dann nach 5 Minuten Fahrt zu merken ‚Oh! Ich hab‘ meine Trekkingstöcke vergessen!‘. Na super! Also 180 Grad gedreht und zurückgedonnert. Wenigstens gab mir das Kopfsteinpflaster das Gefühl von Donnern. Zu hause rein, Stöcke geholt, am Rucksack verstaut (dieses Mal unter 8,5kg!!! Yeah!) und wieder los. Mir wurde dann klar: Der Plan, in Bornheim Mitte die Bahn zu nehmen entspricht dem Verpassen des Zuges. Somit habe ich diese überflüssigen Kosten des E-Scooters in Kauf genommen – so ergibt diese Floskel einen ganz neuen Sinn für mich – und bin zum Bahnhof durchgerollert. Dort habe ich dann auch noch die Brote, die ich mir nicht geschafft habe, zu schmieren, mit Plant-Based-Burgern in Kauf genommen. Habe ja das D-Ticket. Die dadurch gemachte Einsparung mit der Regionalbahn habe ich durch das in Kauf nehmen erfolgreich überkompensiert. Später wurde das im Zug belohnt. Die vielen reizenden Mitreisenden, inklusive eines Ehepaares, das eine Reinkarnation eines Loriot-Sketches sein muss, anders kann es wirklich nicht sein, das sich einvernehmlich im überfüllten Zug stritt, bis es wieder ausstieg. Eine Realityshow IRL! Mega! Ich habe mehrmals nachgesehen, aber weder Evelyn Hamann, noch Loriot waren von den toten auferstanden. Sie waren wirklich so. IRL. LOL. Besonders der weinerliche Tonfall von ihm, wenn er sich in seinem ehelichen Leid in sarkastisch ihre Worte wiederholendem Tonfall selbst bestätigte, war unbezahlbar, unmittelbar gefolgt von ihrem an Resignation grenzenden, monotonen Klang der Worte, er möge doch jetzt bitte die Klappe halten mit seinem dummen Geschwätz. Mein Kopf so: Ja, wo fahren sie denn?
Nach Abschluss der eingeklemmten Sitzhaltung im Spessartexpress bis Würzburg mit der verblüffenden Beobachtung an fast jeder Station, dass am Bahnsteig verzweifelte Personen vergeblich versuchten, in den Zug einzusteigen, hieß es dann: Umsteigen! Der gesamte Menschenschwarm trappelte nervös die Treppen hinunter in die Unterführung. Ich musste rüber zu Gleis 3. Soll ich mir schnell noch ein Brötchen holen, fragte ich mich, falls ich in Treuchtlingen am Ostermontagabend nichts zu essen bekomme? Was ein Glück habe ich das gelassen. Ich bin direkt zu Gleis 3 hoch und, am aus dem Fenster lugenden Lockführer vorbei, der schon so etwas sagte wie ‚Ist jedes mal dasselbe. Horden! Wie die Irren!‘, dann in die Bahn hinein. Das war krass. Sie war schon fast voll. Wäre ich zwei Minuten später gekommen, hätte ich noch nicht mal mehr den Stehplatz ergattert, den ich dann bis Treuchtlingen einnahm. Davon lass ich mir doch die Laune nicht vermiesen! Nein! Ich meine das ernst! Kopfhörer in die Ohren, Podcast an und lächeln. Das geht! Hilft! Echt! Man muss nur ein wenig die paar hundert genervten Gesichter um einen rum ignorieren. Fällt mit Kopfhörern leichter. Im Ernst! Dann ging’s wieder los. Es scheint an Wochenenden und Feiertagen so zu sein, dass nur die Stadtbevölkerung das D-Ticket nutzen kann, indem sie die Züge so richtig mit sich selber vollstopft und so erfolgreich das Zusteigen von ländlichen Reisenden auf den Zwischenstationen verhindert. Ist so. Einmal alle in FFM rein und in Wü wieder raus. Dann nochmal alle in Wü in den Zug rein und in Mü wieder raus. Zwischenhalte macht man dann eigentlich nur zum Lüften. Städterst Du schon? Oder wartest Du noch in der Provinz am Gleis? Du hast dort Samuel Beckets Godot gesehen? … Ich glaube Dir das tatsächlich.
Nach rund zwei Stunden Stehen mit gelegentlichem Tetris Spielen mit Menschen, die gewillt waren, das Klo zu erreichen, war es dann so weit. Nach Gunzenhausen kam Treuchtlingen. Ich nahm also auch die Tetris-Challenge auf mich und rutschte zwischen diversen und nicht unerheblich genervten Menschen mit meinem Wanderrucksack in Richtung Tür. Etwa zwei Meter davor ging dann nichts mehr und mir wurde klar, dass ich die verbleibende Strecke bis nach Treuchtlingen, meinen Rucksack vor mir halten musste. Es gab auf dem Boden vor mir keinen Platz mehr. Das Einschneiden des ultraleichten – und somit sehr dünnen Griffs – in meine Hand konnte ich irgendwie kompensieren. Ich war in diesem Moment wirklich sehr froh, dass mein Rucksack nicht so schwer war, wie auf meiner letzten Wanderung. Witzigerweise kam dann eine Durchsage, dass in Treuchtlingen ein weiterer Zug nach München führe und dass, so die Schaffnerin, doch einige diese Gelegenheit nutzen könnten, um in den anderen Zug umzusteigen. Fand ich einleuchtend. Und als der Zug hielt, ich dann so: „Aussteigen! Yeah!“ Ich war mir sicher, dass das ein Brüller war. Entsetzte Gesichter. Ich dann so: „Nicht witzig? Ok. Nicht witzig. Sooorry!“ Menschen sehen weg. Schnell raus da, sage ich mir, war sowieso lange genug in der Pupsluft da drinnen. Erst draußen wird mir bewusst: Werde ich der Provinz per Zug jemals wieder entkommen? Puh. Daran habe ich noch gar nicht gedacht. Vielleicht war es der Fehler meines Lebens und ich werde mich in den Skelettpark derjenigen einreihen, die in den vergangenen Monaten vergeblich auf ein Zusteigen in einen Regionalzug an einem Provinzbahnhof gewartet haben. Ach Schatz! Wenn Du diese Zeilen liest und ich am 12. April nicht zurückkomme: Steckst Du eine ‚eternal flame‘ für meinen ‚eternal fail‘ an? Tut mir echt leid, wenn’s so kommt. Ich bin auch der einzige Gast hier in dem riesigen Hotel in Treuchtlingen. So unwahrscheinlich erscheint mir dieses Schicksal nicht, wenn ich darüber nachdenke. Aber bestimmt kommt es nicht so schlimm, denn ich habe festgestellt, es leben noch Menschen hier. Das steht fest. Habe noch mehr davon vorhin im Restaurant gesehen. War übrigens echt lecker dort in den Wallmüllerstuben! Die vegetarische Auswahl war nicht üppig, aber die Gnocchi waren super! Mit warmer Mahlzeit im Bauch, ging es mir dann auch gleich besser.
So. Jetzt ist’s aber gut! Morgen will ich früh raus und gehe jetzt gleich ins Bett. Noch ein Wanderer-Pro-Tipp: Zahnputztabletten sind super! Damit kannste echt Gewicht sparen! Wiegt zwar nicht die 1,2kg Kamera auf, die ich Irrer anstatt dessen mit mir rumschleppe, aber immerhin! ROFL. Gute Nacht!
PS: Schreiben macht vielleicht gesund, übrigens. Ich fühle mich auf jeden Fall jetzt schon mal besser als vorhin. Wird bestimmt alles gut.
PPS: Ich will mal fair sein: Ich habe, als ich auf dem Weg zum Restaurant schon mal einen kleinen Abstecher zur Altmühl gemacht habe, einen Flair von Frankfurt erlebt: In das traumhafte Naturbild vom mit frisch grünenden Trauerweiden umrahmten Flüsschen, fügte sich ein Kubrick’scher Quader ein, nicht in Schwarz, sondern in Grau. Und ein weiterer Unterschied bestand zu den rätselhaften schwarzen Dingern in Space Odyssey: Der Zweck des Quaders fand sich in dessen Beschriftung: Altmühltaler.
…
Warum ein hochentwickeltes Land, wie jenes, in dem wir leben und welches es schafft, Wasser in perfekter Trinkwasserqualität durch Leitungen in Häuser zu pumpen, sich sogenanntes ‚Mineralwasser‘ in Flaschen abgefüllt und so gar nicht CO2-neutral per Lastwagen durch die Republik karren lässt, bleibt mir zwar ein ähnliches Rätsel wie dieser schwarze und auf Hochglanz polierte durch’s Kubrik’sche All fliegende Quader, aber … sagen wir, das Rätsel ist thematisch stärker eingegrenzt.

PPPS: Bisher mag ich Treuchtlingen. Echt. Liebe Treuchtlinger*innen (Das Gendersternchen habe ich extra für den Kruzifixminister mitten in Bayern geschrieben. Hach! Was fühl ich mich jetzt verboten! Küsschen!). Ist mein voller Ernst und ganz ohne Ironie. Ich bin hier herzlich empfangen worden und habe Lust wiederzukommen. Es ist schön hier! Aber bei dem Quader mitten im Tal … ein bissel Satire muss sein. Space Odyssey auf Bayrisch halt, gell?
Lieber Mann,
gute Besserung für dich und dir ein wunderbares Reiseerlebnis wünsche ich von ganzem Herzen.
Ich bin zuversichtlich, dass du den Rückweg per Bahn nach Frankfurt schaffst 😉 und freue mich, deine Reise auf diesem Weg ein wenig mitverfolgen zu können.
Deine Gabi
Gute Reise und vor allem: Gute Besserung, liebes Bruderherz…und ich freue mich auf die nächsten Berichte… Deine große Schwester